Der Animationsfilm, wie wir ihn heute kennen, ist der Feind im Kinderzimmer. Hektik und Stress dominieren diese Kommerzprodukte, doch warum lieben Kinder diese Filmchen? Tun sie das wirklich? Finden wir es heraus und klären, ob der harte Vorwurf zutrifft
Von Daniel Zemicael
Die "Sing"-Reihe (2016, 2021) von Garth Jennings fällt besonders negativ durch seine
tiktokisierung auf. Weitere Teile werden noch folgen. Bleiben wir gespannt, ob der 3.
Teil nicht direkt auf TikTok erscheint!
Vor einigen Jahren sah ich den Film „Gerry“ von Gus Van Sant. Sofort war ich begeistert, weil dieser Film so herrlich provokativ anders erschien als jedes andere Werk im 21. Jahrhundert. Stars wie Matt Damon und Casey Affleck waren das perfekte Trojanische Pferd, das dem Publikum versprach, ein actionreicher Film zu sein. Doch was dann auf der Leinwand zu sehen war, entpuppte sich im besten Sinne als andersartig. Zwei Jugendliche verirren sich in der Wüste von Kalifornien. Das war's schon. Mehr Handlung gibt es nicht.
Ähnlich wie bei „Warten auf Godot“ reden die zwei Jungen über so etwas wie das „Ding“, das irgendwo in der Wüste zu sein scheint. Es wird nicht erklärt, was „Das Ding“ sein soll. Also laufen sie durch die endlos lange Wüste, und zwar so ausgiebig und so lange, dass der geneigte Smartphone-Konsument bereits die ersten Minuten des Films als qualvolle Folter empfindet.
Was passiert im Gehirn, bei dem Konsum von Animationsfilmen?
„Gerry“ von Gus van Sant ist ein beeindruckendes Meisterwerk. Aber viele lehnten das Werk in seinem Erscheinungsjahr 2001 strikt ab. Es war ihnen zu qualvoll, dabei zuzusehen, wie zwei Jungs sich tagelang durch den Sand schleppten und immer langsamer wurden. Das Pacing stimmt nicht, würden die Hollywood-Studios vermutlich sagen.
Die berühmten und beliebten Animationsfilme sind da wohl bei den Studio-Haien schon eher gern gesehen. Kein Wunder: 2025 betrug nur der amerikanische Anteil am finanziellen Erfolg der Animationsfilme schon 63 Milliarden US-Dollar.
Es ist also eine große und lukrative Geldmaschine. Im Gegensatz zu den Superhelden-Filmen, die beim Publikum mittlerweile Müdigkeitserscheinungen vor dem ewig gleichen Ablauf hervorrufen, ist der Markt der Animationsfilme in bester Verfassung. Der Rubel rollt. Und solange wird es wahrscheinlich keine Veränderung in der Machart geben.
Doch die Gefahr, die gerade von diesem Genre ausgeht, sind nicht die Figuren oder Geschichten (die man ideologisch durchaus kritisch sehen kann und sollte), es ist vielmehr die Machart! Das hektische Treiben auf der Leinwand macht etwas mit dem Zuschauer, und das nicht im positiven Sinne. Zunächst einmal löst ein Animationsfilm mit seinen typischen schnellen Schnitten, stressiger Sprechweise und dem pausenlosen Gag-Feuerwerk einen Dopamin-Kick nach dem anderen aus. Bei häufigerem Konsum gehen die Dopamin-Rezeptoren zurück, was das Gehirn als Selbstschutz tut.
Die Folge: Das Gehirn gewöhnt sich an den Dauerbeschuss von Reizen. So kann es dann passieren, dass sich ein langsamer Film wie „Gerry“ so anfühlt wie das Foltergefängnis in „Hostel“. Wenn wir Kinder beobachten, die sich diese Animationsfilme anschauen, sehen wir, wie diese stumm und wie gebannt auf die Leinwand oder auf den Bildschirm starren. Ein Erwachsener könnte sich dabei beschweren, dass sich alles in Blitzgeschwindigkeit abspielt, aber bei Kindern ist es vielmehr eine Gewohnheit, die einsetzt.
Wenn wir uns die Erkenntnisse der Neurobiologie anschauen, können wir sehr gut erkennen, was genau in Kinderhirnen beim Konsumieren dieser „Bilderfetzen“ geschieht. Auch psychologisch hat man erforscht, dass Kinder nach schnellen Animationsfilmen oder Serien viel weniger Konzentration besitzen; Gedächtnis- und Impulskontrolle sind deutlich schwächer. Die Studie „The immediate impacts of TV programs on preschoolers' executive functions and attention: a systematic review” aus dem Jahr 2024 zeigt dies deutlich und stellt dem gegenüber, dass langsame Bildungsprogramme im Fernsehen nachweislich nicht diesen negativen Effekt auf Kinder aufweisen.
Wichtig zu betonen ist allerdings, dass der Konsum von einem Animationsfilm nicht gleich irreparable Schäden im Gehirn eines Kindes verursachen kann. Es ist der regelmäßige Konsum. Doch warum ist gerade der Animationsfilm, der ja speziell auf Kinder zugeschnitten sein sollte, so konzipiert, dass er nicht gesund für seine kleine Zielgruppe ist? Ist das nicht perfide?
Stumme Leidende
Nachdem wir wissen, was diese Filme mit unserem Gehirn machen, verstehen wir auch, dass dies von den Tech-Firmen bewusst so gewollt ist. Sie wollen keine denkenden Subjekte, sondern stumpfe Konsumenten. Animationsfilm-Macher und Social-Media-Verantwortliche haben ein Heer an Spezialisten, die genau wissen, wie man ein Publikum maximal an sich bindet. Das sind Milliarden-Dollar-Konzerne mit den besten Profis.
Das Ziel ist die maximale Aufmerksamkeit für ihre Produkte. Dass sie damit bereit sind, die Hirne von Kindern zu schädigen – und nichts anderes ist das –, zeigt die Skrupellosigkeit dieser Verantwortlichen!
Disney ist ohnehin ein Konzern, der sich wenig um Kunst schert, wie vielleicht noch in den Anfangsjahren oder zuletzt in den 90ern. Heute gilt es, Konkurrenten wie Netflix oder Social Media zu überbieten, und da diese Formen der Unterhaltung mit Schnelligkeit arbeiten, passt sich sogar ein Traditionsunternehmen wie Disney dem an, um nicht unterzugehen.
Das Nachsehen haben die Rezipienten, das kindliche Zielpublikum, das am meisten darunter leidet. Es tut ihnen nachweislich nicht gut, doch verstehen Kinder noch gar nicht den Zusammenhang zu ihrer schwindenden Konzentration und Impulskontrolle. Es sind stumme Leidende, wenn man so will.
Ich für meinen Teil muss mich bereits nach dem Konsum von Reaction-Videos, von zum Beispiel Rezo, erst einmal erholen. Diese sind unfassbar schnell: mit ihren Werbesymbolen am linken Bildrand, den schnellen Schnitten und dem ständigen Pausieren der Videos, um dann erst einmal einen Monolog zu halten und nebenbei den Chat zu zitieren – das Ganze fühlt sich schon anstrengend an.
Es gibt zwar einen roten Faden bei solchen Videos, doch dieser Faden wird ständig umgeknotet, sodass man vor lauter Knoten den Faden nicht mehr sieht. Dabei ist nicht Rezo schuld, sondern der Markt, der diese Art von Videos normalisiert hat und im Grunde bestärkt: Wer nicht mitzieht, wird nicht geschaut (und wenn doch, dann kommt die schreckliche Wiedergabegeschwindigkeit zum Einsatz).
Der Kinderfilm braucht eine Revolution!
Das sind keine gesunden Entwicklungen. Das Ausmaß wird in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr zu übersehen sein. Wir züchten mit dieser Unterhaltungsform eine Generation von unkonzentrierten jungen Menschen, für die Langeweile Folter ist. Früher war nicht alles besser, aber machen wir uns doch ehrlich: Dieses Problem der Aufmerksamkeitskonkurrenz von Unternehmen hat Ausmaße angenommen, die es bisher nicht gab.
Wir können uns dem Diktat der Schnelligkeit entziehen, es ist kein Naturgesetz. Starten wir eine Gegenbewegung! Und da mir das Kino wie nichts anderes am Herzen liegt, sollte diese Kunstform nicht zu einem Vertreter dieser Unart der Internet-Unterhaltung verkommen, sondern zu einer cleveren Gegenkultur. Das New Hollywood bestand aus einer Reihe junger Wilder, die es satthatten, die üblichen glattpolierten und überproduzierten Hollywoodschinken à la Ben Hur zu drehen; sie wollten etwas Neues, etwas anderes. Das Gleiche gilt auch für die Nouvelle Vague.
Gerade im Kinderfilmsegment müssten Künstler, Produzenten und Filmemacher auch den Ruf nach Veränderung vernehmen und ihre verantwortungsvolle Position nutzen, um den Kinderfilm, speziell den lukrativen Animationsfilm, zu reformieren und vor allem kindgerecht zu gestalten. Gerade die Zielgruppe der Kinder sollte nicht mit einer angezüchteten Konzentrationsstörung ins Jugendalter kommen, die sie sich durch übermäßigen Konsum von Animationsfilmen eingefangen hat.
Und da Unternehmen durchaus von Erwachsenen geleitet werden, die eventuell auch Familie haben, ist es eher ein sinnloses Unterfangen, gerade sie auf ihre Verantwortung aufmerksam zu machen. Profit ist deren einzige Triebfeder und nicht gute Unterhaltung oder den kleinen Kids etwas Gutes zu tun. Deswegen kann man in diesem Bezug nur an die Eltern appellieren, ihren Nachwuchs nicht allzu oft dem Dopaminrausch auszusetzen. Auf Dauer sind Animationsfilme nämlich die neuen Folterinstrumente gegen Kinder!

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