Es war im Jahr 2018, als ich diese Kurzgeschichte schrieb. Mein Ziel war es, eine satirisch überhöhte, lustige Liebesgeschichte zu verfassen. Innerhalb weniger Tage entstand diese Short Story. Als ich sie nach langer Zeit beim Stöbern wiederentdeckte, erinnerte ich mich sofort daran, wie viel Spaß mir das Schreiben gemacht hatte. Deshalb habe ich mich entschieden, sie hier zu veröffentlichen. Und hier ist sie nun – viel Spaß beim Lesen!
Von Daniel Zemicael
Am liebsten hätte ich ihm eine auf die Fresse gehauen, aber er war leider kein Mensch. Von wegen Supercomputer! Superwichser trifft es am ehesten! Erst mal machte er auf schlau und nach und nach
killte er die Astronauten. Ich wünschte, ich wäre an Bord der Discovery One gewesen, oh Mann, hätte ich die Ratte zusammengedroschen.
„Der Film ist episch“, sagte Stephan, der ihn uns auf seinem Handy gezeigt hatte. „Der Film ist Rotz!“, sagte Berkan, der beinahe eingepennt war.
„Dieser Wichser ... dieser kleine, unsichtbare Arsch“, stammelte ich und ballte meine Faust zusammen. Die anderen schauten mich überrascht an und verstanden nur Bahnhof. „Odyssee im Weltraum?!
Warum gucken wir das eigentlich an?! Auf dem Cover stand 2001, wir haben aber 2018, ihr Dumpfbacken. Das ist doch Oldschool!“
„Alles klar, Kevin? Du bist irgendwie gereizt“, fragte Stephan vorsichtig nach. Aber ich schluckte meine Wut runter und schwieg. Meine Leute kannten mich: Wenn ich nicht reden will, lässt man
mich besser in Ruhe, sonst gibt’s, wie ich es immer gerne ausdrücke, Backefutter.
Auf dem Platz der alten Synagoge saßen wir an einem der vier großen Sitzplätze, die es auf dieser Fläche gab. Hier tummelte sich die Stadt, um abzuhängen oder Eis zu essen oder sonst was. Der
Plan war, nach der Schule Mädels hinterherzuschauen und, falls es sich ergab, Handynummern auszutauschen. Doch falls das nicht klappen würde, gab es ja immerhin Plan B, und der ging so: Ärger
machen und Typen oder ganze Gangs aufmischen. Das machte auch viel Spaß und bot Ultra-Unterhaltung.
Meine Mutter meinte, eine ordentliche Schlägerei könne gesund sein und würde sogar Vitamin C enthalten. Ich war von klein auf gerne an Schlägereien beteiligt; andere nannten das „Babo“, andere
rieten mir immer, ins Antiaggressionstraining zu gehen.
„Guck mal da“, rief Stephan, und da sah ich sie. Manuela stolzierte weiter weg durch die Straßen und fiel mir sofort auf. Kein Wunder, mit ihren Hot Pants und dem hauchdünnen T-Shirt, obendrein
einem Cowboyhut war sie sozusagen der Blickfang Numero Uno. Sie war eine Augenweide. Wir kannten uns von ihren Hauspartys, aber schulmäßig war sie schon Upperclass, also Gymnasium.
Man sagt, sie möchte Germanistik studieren. Was kann ich mit einem Hauptschulabschluss studieren? Egal, darum mache ich mir Gedanken, wenn es so weit ist. Viele pfiffen ihr nach und machten
Sprüche. Das konnte ich schon mal vergessen. Ich musste was Raffiniertes erfinden. Irgendwas, was mich von den Spasten abheben würde. Also brüllte ich:
„Fetter Pinguin!“
Alle auf diesem Platz drehten sich zu mir um, auch meine zwei Pappnasen starrten mich entgeistert an. Manuela blieb plötzlich stehen. Sie schaute den Blicken hinterher und sah mich. Sie kam auf
mich zu. Ob sie Wut oder Verletzlichkeit zeigte, sah man ihr nicht an. Da stand sie vor mir und sagte:
„Hast du mich gerade als fetten Pinguin bezeichnet?“
„Jap!“
„Und warum?“
„Ich wollte nur was sagen, was das Eis bricht.“
Ich dachte, die Erde würde stillstehen, selbst der Wind hatte kurz eine Pause gemacht, und alles würde sich mit einem Knall, in Form einer Ohrfeige, weiterdrehen. Doch denkste, Manuela lachte und
kriegte sich kaum wieder ein. Ich stand auf und kam ihr ein wenig näher; sie war kein bisschen abgeschreckt oder gar etepetete drauf. Kein Wunder, vor ihr stand Mister Universe. Der Junge, bei
dem die Mädels Schlange stehen.
„Ich bin ehrlich zu dir, Manuela“, begann ich, „du bist die schönste Frau hier in der Stadt und ich stehe voll auf dich. Ehrlich, du bist zuckersüß. Sollen wir was unternehmen, vielleicht ein
Date oder irgendwie sowas?“
„Danke, Kevin, das ehrt mich sehr, dass du so lieb bist. Und ich hätte wirklich mal Lust, was mit dir zu machen. Aber ich hab schon eine Verabredung.“ Dabei verdrehte sie genervt ihre Augen. Ich
sah kurz zu den zwei Pappnasen rüber, die waren baff. Ich fühlte mich, als ob mir jemand eine Spritze direkt ins Herz stach. Seit wann sollte der Jäger – also ich – eine Abfuhr bekommen? Ich war
auf unbekanntem Terrain. „Mit wem hast du denn eine Verabredung?“, wollte ich wissen.
„Mit Reclam.“ Dabei lächelte sie und wartete kurz, womöglich auf eine Nachfrage oder sonst was. Doch ich zitterte nur, bebte regelrecht und wollte nur eins: Die Schmach, die mir hier angetan
wurde, so schnell wie möglich löschen.
„Ich hab gehört, dass du Germanistik studieren willst“, sagte ich, um das Thema zu wechseln.
„Ja, da hab ich auch viel mit Reclam zu tun.“
VERDAMMTER MIST, WARUM TUT SIE DAS? ICH VERLIERE NOCH MEINEN VERDAMMTEN VERSTAND ... UND ICH MUSS ES EHRLICH SAGEN ... VOR EIFERSUCHT!
„Gut“, sagte ich, um sie schnell loszuwerden,
„Dann noch einen schönen Tag und so.“ Dann machte sie eine Geste, dass sie mich umarmen wollte, doch ich blockte ab und gab ihr nur die Hand. Ich drehte mich wieder um und ging zu meinen
Pappnasen.
Ich setzte mich mit dem Rücken zu Manuela gewandt, um ihr nicht mehr hinterherzuschauen. Dieses Mädel musste ich schnell wieder vergessen. Sie hatte einen anderen anstelle von mir genommen. So
was kam mir noch nie unter dem Radar, ich kann mich nicht mehr erinnern, je einen Konkurrenten gehabt zu haben. Es war ein Schmerz, den ich unter keinen Umständen so stehen lassen konnte.
„Alles klar, Kevin?“, wollte Stephan wissen.
„Kennt ihr einen Typen, der Reclam heißt?“
„Hab den Namen noch nie gehört“, meinte Berkan, „aber dem Namen nach zu urteilen, ist er bestimmt in ihrer Schule. Solche Gymnasiasten-Eltern geben ihren Kindern die verrücktesten Namen. Bestimmt
ist er so ein brillentragender Einser-Schüler, der sich noch nie geschlagen hat.“
„Dann wird’s aber Zeit!“, sagte ich. „Wir suchen den Bastard und mischen ihn ordentlich auf. Dann ist Manuela meine First Lady.“
„Klingt nach einem Plan“, sagte Stephan.
„Aber wo sollen wir suchen?“, sagte Berkan, während er aufstand und auf den Boden rotzte.
„Wir suchen die ganze Stadt nach ihm ab, bis er irgendwo aus einem Stein rausgekrochen kommt, dann kann er meine tote, kalte Hand spüren, die dabei ist, seine Zähne einzeln herauszuboxen. Dann
weiß er, was es heißt, sich mit einem Original Gangster einzulassen.“
Da klingelte mein Handy. Es war meine Mutter. Ich nahm ab und hoffte, dass es nicht wieder Anschiss gab.
„Ja, Kevin, wo bisch?“, schrie sie in den Hörer, so laut, dass es die beiden mitbekamen.
„Warum?“
„Essen ist fertig. Komm jetzt, sonst setz ich dich auf Diät! Immer koch ich und du bisch weg. Irgendwann gibt’s nur noch diese Ein-Euro-Burger von Mces und weisch was? Die kaufsch selber und zwar
von deinem Taschengeld!“
„Ist ja gut, Heike, ich komm ja schon.“ Ich wollte nicht „Mama“ sagen, da mir das als unmännlich ausgelegt werden könnte. Ich legte auf und sah daraufhin ein Mini-Grinsen auf Stephans Mund. Er
hatte seine Mühe, dieses Grinsen zu kaschieren, aber sein linker Mundwinkel wollte offensichtlich nicht so, wie er wollte. „Wir verschieben das auf später, mit diesem Typen. Muss meiner Mutter
einen Kühlschrank in den fünften Stock tragen, und zwar alleine.“
„Warum sollen wir dir nicht helfen?“, fragte Berkan.
„Weil ihr keine Muckis habt, ihr Deppen. Also bis später.“
Ich lief los, um schnell die nächste Straßenbahn zu bekommen. Doch während des Gehens hörte ich ein lautes Lachen. Es kam mir so vor, als wären es die beiden Pappnasen, die ich zurückließ, aber
das war meine Gang, und ich war deren Anführer. Der Babo. Das durfte und konnte nicht sein. Ich kenne doch meine Pappenheimer!
Während ich mit meiner Mutter im Wohnzimmer verbrannte Pommes und kalte Buletten aß, schauten wir auf dem Fernseher alte Folgen von Mitten im Leben auf YouTube an. Meine Mutter liebte diese
Sendung und lachte sich wie immer halb tot. „Siehsch“, sagt sie, „so genießt man das Leben. Gutes Essen und gute Dokus im Fernsehen schauen. Und nicht immer rausgehen und Zeit
vergeuden.“
„Hä, glaubst du, was wir da angucken, ist real? Schon mal was von Scripted Reality gehört?“ „Scrip ... Scripti, was? Hör auf mit diesen Fremdwörtern! Das ist respektlos, Kevin!“
„Von mir aus!“
„Ja, was ist denn mit dir los? Warum bisch so aggressiv?“
„Hab eine kennengelernt, aber die geht aufs Gymnasium ...“
„Gymnasium? Schlag dir die Schlampe aus dem Kopf!“
„Wieso das jetzt?“
„Weil die anders ticken tun!“
„Und wie ticken die anders? Gib mal ein Beispiel.“
Meine Mutter nahm die Fernbedienung und schaltete durch die Kanäle. Ich kapierte nicht, warum.
„Was machst du denn?“, fragte ich verwirrt.
„Ich geb dir jetzt ein Beispiel und dafür wirst mir die Füße küssen vor Dankbarkeit, weisch?!“ Dann hatte sie einen Kanal erwischt, den ich gar nicht kannte.
„Kennsch du ARTE?“, fragte sie.
„Nö“, gab ich bloß zur Antwort.
„Sowas gucken sich die Gymnasium-Deppen und das Studenten-Pack an. Kannsch mal für fünf Minuten angucken, aber dann guck ich wieder meine Doku.“
Was ich da sah, konnte ich beim besten Willen nicht glauben. Da ging’s um Malerei oder so. Bilder, die bloß weiß oder schwarz waren, und irgendwelche Leute, die das in großflächigen
Räumlichkeiten anstarrten. Ich wusste mal, wie diese Häuser hießen, irgendwas mit Mus ... Muse ... oder auch Musum ... keine Ahnung. Auf jeden Fall dachte ich mir, dass ich doch nicht Maler und
Lackierer werden wollte. Ich dachte, der Job wäre anders und nicht irgendwelche Bilder anmalen oder so. Sowas würde sich also Manuela im Fernsehen anschauen? Das war schon ein Schock für mich.
Wahrscheinlich liegt sie im Bett mit ihrem Reclam und würde sich ARTE antun. Danach kam eine Sendung über Bücher. Mir war gar nicht klar, dass so was im Fernsehen kommt. Ich hatte noch nie im
Leben ein Buch gelesen, weil das immer so einschläfernd war.
Manuela liest im Monat bestimmt 10 Bücher. Verdammt, ich merkte, dass dieses Mädel unerreichbar für mich war. Sollte ich aufgeben? Da vibrierte mein Handy. Es war Berkan. Er schrieb: „Wir haben
ein Problem. Komm zur Buchhandlung!“
Ich schrieb nervös auf die Tastatur: „Habt ihr ihn gefunden?“
„Ja“, schrieb er.
Sofort stand ich auf, dabei fiel mein Teller auf den Boden. Meine Mutter strahlte mich böse an. „Sorry, Mama, ich muss los.“
„Warum?“
„Ich muss mich mit Reclam schlägern.“
„Oh, eine Schlägerei“, sagte sie beglückt, als ob ich einen Einser-Abschluss mit nach Hause bringen würde, „merk dir zwei Sachen: Einstecken ist keine Schande, aber austeilen musst du
ausreichend, weisch?“
„Ja, ciao.“
Da stand ich mit Berkan und Stephan neben Reclam, der auf dem Boden lag. Ich trampelte auf den Penner ein. Da kam die Buchhändlerin, die vielleicht nur ein paar Jährchen älter war, zu uns
herbeigeeilt.
„Ich ruf gleich die Polizei, wenn ihr nicht aufhört.“
„Wieso das?“, sagte ich immer noch wutentbrannt.
„Weil das nicht geht“, sagte sie absichtlich laut, damit es auch die Kollegen hörten und ihr zur Seite standen, „Ihr tretet gerade auf eins unserer Bücher, das ist Sachbeschädigung!“
„Das ist mir doch scheißegal!“, schrie ich, denn ich wollte, dass ihre Kollegen kommen würden, damit ich meine Wut entladen konnte.
„Hey“, sagte Berkan beschwichtigend zu ihr. „Er will nur wissen, wer der Autor ist. Er geht nämlich mit seiner Frau fremd.“
„Wie bitte?“ Die Buchhändlerin verstand offensichtlich gar nichts.
„Mach nicht so dumm?!“, schrie ich.
„Kennst du diesen Reclam? Wie sieht er aus, wo gibt’s ein Foto von der Behindertenfresse?“
„Ich rufe jetzt die Polizei!“, sagte sie und ging an die Kasse.
„Hey, los! Verschwinden wir endlich!“, sagte Stephan. Ich nahm das Buch und wir gingen aus dem Laden. Doch ich kehrte wieder zurück und warf das ganze Regal mit den Büchern von diesem Spacken auf
den Boden und spuckte noch drauf. Harte Geste, aber ich war eben nicht umsonst Mister Universe.
„Was sollen wir jetzt machen?“, fragte Stephan, als wir in der Nähe des Botanischen Gartens waren.
„Wir gehen die Sache jetzt einfach analftisch an“, sagte ich in Studenten-Sprache. „Ich glaube, es heißt analytisch“, verbesserte mich Stephan.
„Ist doch mir egal! Wir wissen, dass Reclam Bücher schreibt, was sagt uns das?“ Ich schaute den Pappnasen in die Gesichter, was ich da sah, war absolute Leere. Intelligenz-mäßig war ich denen
tatsächlich Lichtjahre voraus.
„Dass er reich ist?“, sagte Berkan nach einer Weile des Nachdenkens.
„Genau! Aber vor allem sagt uns das, dass er älter ist. Wer so viele Bücher geschrieben hat, hat sehr viel Zeit gehabt. Also, ich schätze ihn so um die 50. Wir suchen also einen Erwachsenen, der
Bücher schreibt, viel Geld hat und sich mit seiner Macht junge Mädchen wie Manuela angelt. Scheiße, wahrscheinlich besitzt er ein Harem oder so. Wie R. Kelly. Wir müssen unsere Fäuste ballen und
stark sein, dieses Mal handelt es sich um einen wahren Kriminellen. Vielleicht auch um eine ganze Armee, die nur auf uns wartet.“
„Das klingt übel.“ Nickte mir Berkan zustimmend zu.
„Ihr wisst, was das heißt. Das bedeutet Krieg!“, rief ich laut. „Die Kämpfe mit den anderen Gangs haben sich eindeutig gelohnt“, sagte Stephan und legte seine Hand auf meine Schulter. „Danke,
Kevin, dass ich in deinem Team war, es bedeutet mir sehr viel.“
„Schwul nicht so rum. Und warum benutzt du die Vergangenheitsform?“
„Weil ich der Erste sein werde, der sich für dich eine Kugel einfangen wird.“
„Okay, von mir aus.“
„Also Chef, wohin gehen wir?“, Berkan ließ seine Finger knacken.
„Ich finde, wir sollten ins Epizentrum gehen. Und zwar direkt zu Manuela nach Hause. Dort kriegen wir jede Menge Infos, wo dieser Reclam sein könnte.“ Also gingen wir los. Ich war kurz
erleichtert, dass keiner mich fragte, was Epizentrum bedeutet. Ich wusste es selbst nicht.
Manuela wohnte im noblen Stadtteil Wiehre. Dort, wo die Bonzen zum Frühstück Kaviar fressen und Champagner schlürfen. So stelle ich mir das zumindest vor. Es war klar, dass auch dieser Reclam dort in der Nähe sein Lustschloss hatte. Ich schwöre, es sind immer die Reichen, die Scheiße bauen. Okay, ich hab auch mal einem Typen einen Backstein ins Gesicht geworfen, ein paar Playstation-Spiele aus dem Laden mitgehen lassen, mit Berkan ein halbes Kilo Gras aus dem Darknet bestellt und vor allem – und das ist meine Hauptbeschäftigung – den kleineren Schülern ihre Handys abgezogen. Aber kriminell war ich auf jeden Fall noch nie. Doch seit diesem Vormittag ging mir eins nicht aus dem Kopf: Warum Manuela mich nicht wollte, sondern auf so eine Bücherratte scharf war. Aber ich würde sie schon umstimmen, wenn sie sieht, wie ich den Typen zu einer schleimigen Breisauce verarbeiten würde, dann wird sie hin und weg sein.
Als wir in der Nähe ihres Einfamilienhauses waren, schlichen wir uns gebückt immer näher ran, bis wir schließlich an der Garage ankamen. Ich wollte in den Garten, was sich auf der anderen Seite
befand und wo man einen guten Einblick durch die Fenster hatte. Am Garten angekommen, konnte ich endlich Manuela durch das große Balkonfenster sehen. Es spiegelte zwar heftig wegen der
bescheuerten Nachmittagssonne, aber ich sah, wie sie an einem langen Esstisch saß und in einem gelben Buch las. DAS WAR ES! DAS WAR EIN BUCH VOM MISTKERL RECLAM!
Und plötzlich dachte ich, dass ich in einem Horrorfilm wäre. Ein Mann stand weiter entfernt von ihr und machte Hantelübungen. Sein Gesicht konnte ich nicht durch die Spiegelung erkennen, aber
sein Körper war gestählt und er hatte eine Boxerhose an. „Die Kiste wird immer schräger!“, sagte ich und schaute zu den Pappnasen. Doch sie blieben still. Sogar die haben so was Behindertes noch
nie gesehen. „Kevin“, sagte Stephan, „Du weißt, ich bin Filmfreak, und du hasst es, wenn ich Odyssee im Weltraum oder Clockwork Orange mit euch anschaue. Aber du musst mal Taxi Driver angucken.
Das erinnert mich voll daran.“ Berkan und ich glotzten Stephan schräg an.
„Du musst schon erklären, was du damit meinst“, sagte ich.
„Der Film handelt von einem Taxifahrer, der übrigens auch Vietnam-Veteran ist ...“ „Stopp, willst du die ganze Handlung erzählen?“, Berkan verpasste Stephan einen Schlag auf die Schulter, „Wir
sind gerade in einem fremden Garten und dort drinnen geht gerade irgendeine kriminelle Scheiße ab, und du trägst ein Referat von einem Film vor?“
„Darum geht’s doch, du Penner! Selbstjustiz und so.“ Diesmal gab Stephan Berkan einen Schlag auf die Schulter.
„Nenn mich nicht Penner! Du Penner!“ Berkan wurde aggressiv.
„Wenn ihr gleich nicht aufhört, gibt’s Backefutter!“, sagte ich diplomatisch.
„Ey Kevin, Stephan hat über deine Mutter gelacht!“
„Wann?“, wollte ich wissen.
„Hey, halt deine Fresse! Du hast selber gelacht!“ Stephan wurde rot.
„Hört zu. Hört beide zu. Wenn ihr nicht gleich sagt, wer von euch gelacht hat, kriegt ihr beide eins auf die verdammte Schnauze. Also, wer hat gelacht?“ Gleichzeitig zeigten die beiden auf den
jeweils anderen.
„HEY, WER SEID IHR?“ Der gestählte Mann vom Haus stand plötzlich vor uns und sah gar nicht begeistert aus. Sein schweißgetränkter Bodybuilder-Körper strahlte uns im Sonnenlicht so an, dass es
beinahe blendete.
„Scheiße, haben Sie uns etwa gehört?“, fragte ich und ballte schon mal meine Fäuste.
„Euch hört man in zehn Kilometer Entfernung. Wer seid ihr? Manuelas Freunde?“
„Wo ist Reclam?“, fragte ich ohne Umschweife.
„Wie? Sie ist in ihrem Zimmer jetzt und liest in Reclam. Warum fragst du?“
Stephan kam zu mir und flüstert mir ins Ohr: „Hey, du musst mir wirklich glauben, ich hab echt nicht über deine Mutter gelacht.“
Mit Wucht schubste ich ihn zu Berkan zurück. Dann wandte ich mich wieder dem Bodybuilder-Deppen zu. „Geben Sie mir Manuela und wir lassen Sie in Ruhe. Ich schwöre.“
„Was denn für ‚in Ruhe lassen‘?“, plärrte mich Berkan an.
„Der Wichser zwingt sie, sein Buch zu lesen. Das ist doch Gehirnwäsche. Mach ihn kaputt.“ Davon angestachelt ging ich zu dem Mann, machte eine Ninjapose mit den Händen und war bereit.
„Jungs, ich weiß nicht, was ihr vorhabt, aber lasst es gut sein“, sagte er noch, doch er hatte direkt danach meine Faust in der Fresse. Seltsamerweise sackte er weder ein noch schrie er vor
Schmerzen. Stattdessen fühlte ich unter meiner Nase etwas Nasses; ich wischte die Flüssigkeit weg und sah, dass es Blut war. Hatte mich der Penner tatsächlich mit einem einzigen und
blitzschnellen Fausthieb k.o. geschlagen? Offensichtlich! Denn ich fiel, ohne es zu wollen, zu Boden.
Als ich wieder aufstand, sah ich meine Jungs mit diesem Reclam diskutieren. Das Erstaunliche war allerdings, dass Manuela dabei war. Sie hatte ihre Arme verschränkt und sah einigermaßen geladen
aus. Sie war die Erste, die mich aufstehen sah.
„Er ist wach.“ Meine Pappnasen drehten sich um und kamen zu mir gerannt. „Kevin, alles klar?“, fragte Stephan.
„Was sprecht ihr mit dem Bastard, seid ihr dumm?“
„Der Bastard?“, Manuela kam zu mir geeilt, „Dieser Bastard ist mein Vater!“
„Wie, dein Vater? Wer ist dann Reclam?“, sagte ich und schwankte vor Benommenheit.
„Reclam? Das ist ein Buchverlag!“
„Wie?“, rief ich schockiert.
„Hättest du ein klein wenig Verstand, wärst du gleich draufgekommen.“
„Aber überleg doch mal“, wandte Berkan ein, „er hat so viel Aufwand getrieben, um dich zu beeindrucken.“
„Genau“, stimmte ich ihm zu.
„Wenn er mich beeindrucken will, dann nicht damit, einen anderen Typen zusammenzuschlagen.“
„Nicht?“, fragte ich erstaunt.
„Das reicht“, sagte ihr Vater, „wenn ihr meiner Tochter zu nahe kommt, rufe ich das nächste Mal die Polizei.“
„Warte doch, Papa“, sagte Manuela noch beschwichtigend.
„Nein, verschwindet, ihr drei Vollpfosten“, brüllte er uns an.
Mit gesenkten Köpfen verließen wir das Grundstück. Das war ein wahrer Schandfleck in unserer Karriere als Schlägertruppe.
„Das war’s wohl“, sagte Stephan.
„Bro, such dir eine andere“, schlug mir Berkan vor.
„Never ever“, sagte ich. Die zwei schauten mich so an, als ob sie gleich die Klapse anrufen wollten.
„Die Schlacht ist zwar verloren, aber der Krieg noch lange nicht.“ Der Blick der beiden Pappnasen wurde nicht besser.
„Was willst du da noch gewinnen?“, fragte Stephan.
„Kommt mit, ich hab eine geniale Idee.“
Aber bald bereute ich diese Scheißidee. Sie war so unendlich langwierig und grausam. Schlimmer als zehn Stunden Muckibude. Es war die reinste Folter. Aber ich wollte eben Manuela als meine First
Lady. Dafür geht ein Mann gerne in die Hölle. Meine Mutter war dagegen, sich mit einer so gebildeten Person zu verabreden. Manuelas Vater war dagegen, weil ich so ein Vollpfosten war. Wie konnte
ich also diese sozialen Schranken brechen? Mit Gewalt? Backefutter zu verteilen wäre auf jeden Fall reizvoll und einfacher, aber das klappte ja nicht. Also blieb mir eben nur diese Scheißidee
übrig.
Eine Woche später kamen wir an einem Abend wieder zurück zu Manuelas Elternhaus. Berkan und Stephan verteilten die Boxen rund um den Garten. Ich hätte gerne solche wie im „Black or White“-Video
gehabt, wo es der „Kevin allein zu Haus“-Knirps schafft, mit den bombastisch großen Boxen und deren Lautstärke seinen Vater durch die Gegend zu schleudern. Aber diese, die wir hatten, würden
ebenfalls allemal reichen. Ich nahm vom Garten einen Stuhl und begann mich vorzubereiten. Die Nervosität vor dem unbekannten Ergebnis machte mir ein klein wenig Angst, aber es musste sein. Es
ging schließlich um ein schönes Mädchen. Also stellte ich mich auf den Stuhl und rief ins Mikrofon: „MANUELA!“
Ich vergaß die Boxen und dass ich gar nicht so laut sein musste. Es war eine Lautstärke wie in einem Warm-up im berühmt-berüchtigten Wacken-Festival. Die Lichter im Haus gingen an. Manuela kam
auf den Balkon der ersten Etage und sagte: „Kevin, spinnst du?!“
Ich wusste, dass sie so was sagen würde, und nahm die Steilvorlage gerne an. Dann begann ich:
„Sie spricht. O sprich noch einmal, holder Engel! Denn über meinem Haupt erscheinest du Der Nacht so glorreich, wie ein Flügelbote Des Himmels, dem erstaunten, über sich Gekehrten Aug der
Menschensöhne, die Sich rücklings werfen, um ihm nachzuschaun, Wenn er dahin fährt auf den trägen Wolken Und auf der Luft gewölbtem Busen schwebt.“
Ich war so vertieft, dass ich gar nicht mitbekam, dass Manuela nicht mehr auf dem Balkon stand. „Scheiße, wo ist sie?“, fragte ich die Pappnasen. Die zuckten nur die Schultern.
„Du hast also Romeo und Julia gelesen?“ Manuela kam mir gerade von der Terrasse entgegen. In ihrem Gesicht konnte man nicht wirklich ablesen, was sie dachte.
„Gelesen?“, fragte ich, „ich hab fast das ganze Stück auswendig gelernt. Naja, nur die Balkonszene.“
Sie kam immer näher, die Spannung sorgte dafür, dass ich immer unsicherer wurde.
„Und“, sagte sie, „Kannst du mir wiedergeben, was du da gerade vorgetragen hast?“
„Ich bin ehrlich, Manu: ich hab kein einziges Wort verstanden.“ Manuela war baff. Aber schnell fügte ich hinzu: „Ich hab eine Woche meines Lebens damit verbracht, dieses Reclam-Buch zu lesen, und
das, obwohl ich noch nie gelesen habe. Alles nur, um dich zu beeindrucken. Denn ich steh wirklich auf dich. Willst du meine Freundin sein, holde Maid?“
„Nenn mich bloß nicht holde Maid“, sagte sie etwas angefressen, und ich schluckte kurz vor Angst, dass es schon alles war, was sie sagte.
„Du bist wirklich ehrlich, Kevin. Das finde ich wirklich erwachsen. Und deswegen muss ich dir was mit auf den Weg geben.“
„Äh, was denn?“ Und da küsste sie mich. Es war ein unglaublicher Hammerkuss, den nicht einmal Romeo und Julia hätten toppen können. Berkan und Stephan applaudierten. Es war – und ich benutze
dieses Wort wirklich ungern – wunderschön. Ich versuchte, ein bisschen Zunge mit ins Spiel zu bringen, was Manuela sogar erwiderte. Und da standen wir nun: Zwei Teenager, die sich auf eine
romantische Weise abschlabberten. Zum goldenen Abschluss wollte ich sie über die Schwelle ihrer Wohnung tragen, aber ich hörte aus verschiedenen Richtungen Sirenen. Dann schaute ich hoch zum
Balkon und sah ihren Vater, wie er mit verschränkten Armen dastand. Da ruft der Penner tatsächlich die Bullen. Also Versprechen halten, ist wohl seine Stärke.
„Verdammt, die Boxen sind geklaut“, sagte ich.
„Dann haut ihr drei am besten ab“, sagte sie, aber nicht ohne mir noch einen schnellen Schmatzer zum Abschied zu geben.
Daraufhin rannten wir so schnell wie nur möglich los. Weil aber aus verschiedenen Richtungen die Bullenautos kamen, mussten wir uns notgedrungen trennen. Jeder rannte einen anderen Weg entlang.
Auf einem kleinen, engen Feldweg verlor ich durch die Dunkelheit die Orientierung. Da sah ich, wie geradeaus einer der Bullen zu mir fuhr, hinten war auch einer, ich konnte also nicht mehr
entrinnen. Ich nahm meine Hände hoch. Mit breitem Grinsen über diesen Abend lief ich langsamer und wartete, bis sie mich festnahmen.
ENDE
